Eine ungewöhnliche Freundschaft – Generalmajor von der Goltz und J. K. Paasikivi

Kenraali von der Goltz saapuu helsingin valtauksen 15-vuotisjuhliin. Kuva: Museovirasto, kuvaaja: Pietinen, 1933.

Epätavallinen ystävyys – kenraalimajuri kreivi Rüdiger von der Goltz ja Juho Kusti Paasikivi

Eine ungewöhnliche Freundschaft – Generalmajor Rüdiger Graf von der Goltz und Juho Kusti Paasikivi

Saksan interventiota Suomeen keväällä 1918 johti kenraalimajuri von der Goltz. Hän ystävystyi toukokuussa pääministeriksi nousseen Paasikiven ja tämän perheen kanssa. Ystävyys säilyi senkin jälkeen, kun saksalaiset joukot lähtivät Suomesta joulukuussa 1918. Artikkelissa professori Dörte Putensen esittelee ja analysoi tätä epätavallista ystävyyttä.

Generalmajor Rüdiger Graf von der Goltz entstammte einer weitverzweigten alten Adelsfamilie und hatte eine lange erfolgreiche militärische Laufbahn hinter sich, als er Ende Februar 1918 über den vorgesehenen Einsatz in Finnland informiert wurde und damit erstmals in seinem Leben mit Finnland in Berührung kam.

Zeit- und Geistesgenossen schätzten ihn als Mann von „besonderer Tatkraft und Entschlossenheit“, ebenso galt er aber auch und gefiel sich selbst als ausgesprochener „Bolschewistenschreck und -hasser“(1).Sein neun Monate währender Einsatz in Finnland an der Spitze der Ostseedivision von April bis Dezember 1918 umfaßte eigentlich nur einen kurzen Zeitraum in seiner gesamten militärischen Karriere. Dennoch hinterließ dieser so tiefe Spuren bei ihm, dass er sich bis an sein Lebensende mit Finnland verbunden fühlte. Im Februar 1918 bekam er den  Befehl, an der Spitze der Ostseedivision den Weißen im finnischen Bürgerkrieg militärische Hilfe zu leisten gegen die Roten, die den Süden des Landes beherrschten. Anfangs vermutete er darin eine militärische Degradierung, letztlich wurde sein Einsatz in Finnland jedoch der Höhepunkt seiner militärischen und politischen Karriere.

Ein Interventionsinteresse gab es sowohl auf deutscher als auch auf finnischer Seite.

Um die offene Parteinahme in das Bürgerkriegsgeschehen zu bemänteln, einigte man sich auf die Formel, dass das Ziel des Einsatzes der deutschen Truppen  nicht eine Einmischung in die inneren Kämpfe der Finnen sei, sondern eine Hilfsaktion im Kampf gegen fremde Banden.(2) Dieser Formel schloß sich auch Mannerheim an, der anfangs die deutsche Intervention abgelehnt hatte. Letztlich stimmte er ihr unter der Bedingung zu, dass die deutschen Truppen seinem Kommando unterstellt werden. Von deutscher Seite kam zwar kein Widerspruch dagegen. Dennoch erwies sich diese Forderung als unwirksam, da v. d. Goltz nicht daran dachte, sich Mannerheims Befehl unterzuordnen. Zumindest Helsinki wollte er unter seiner Führung einnehmen. So kam es auch erst am 10. Mai zum ersten Zusammentreffen von v. d. Goltz und Mannerheim. Deren Verhältnis war und blieb gespannt.(3)

Wider besseres Wissen behauptete v. d. Goltz stets, sich in keiner Weise in die finnische Innnenpolitik einmischen zu wollen in dem er die militärische Intervention als angeblich überparteiliche, humanitäre „Polizeimaßnahme“ gegen „Mord- und Raubgesindel“ rechtfertigte.

Auf finnischer bürgerlicher Seite wurde das Eingreifen Deutschlands „als „unvergleichliche Kulturtat“ gepriesen. Der Chef der deutschen Obersten Heeresleitung Ludendorff hatte angesichts der finnischen Sympathiebekundungen in seinen Memoiren 1919 bereits klargestellt, dass nicht finnische, sondern allein deutsche Interessen die deutschen Truppen nach Finnland geführt hätten(4), Dennoch konnte sich der Mythos von den uneigennützigen deutschen Befreiern unter der Führung von Rüdiger v. d. Goltz in Finnland mindestens bis zum Zweiten Weltkrieg behaupten.







Bild 1 Brief von Rüdiger von der Goltz an Juho Kusti Paasikivi vom 1.1.1919

Die große Bedeutung, die von der Goltz seinem Einsatz in Finnland beimass, resultierte über den schnellen militärischen Erfolg hinaus auch daraus, dass er nach dem Bürgerkrieg mit der Ostseedivision in Finnland blieb. Reichsverweser P.  E. Svinhufvud und die Regierung unter J. K. Paasikivi hielten den Schutz Deutschlands auch nach dem Ende des Bürgerkrieges aus verschiedenen Gründen für nötig.

Auf Bitten der finnischen Regierung und durch Befehl der Obersten Heeresleitung (OHL) erhielt von der Goltz den Auftrag, finnische Streitkräfte nach preußischem Muster aufzubauen und sie faktisch deutscher Führung zu unterstellen,  Das war eine für einen Offizier nicht alltägliche, ungewöhnliche, aber sicher sehr lukrative Aufgabe. Er gehörte neben Svindhufvud und Paasikivi bis Ende 1918 zu den mächtigsten Personen in Finnland. Bis zum Dezember 1918 agierte er als „Deutscher General in Finnland“. Das war ein Titel, der ihm von Kaiser Wilhelm II. im Juli 1918 verliehen worden war und der zu seiner weiteren Aufwertung beitrug. Er leitete den Aufbau der finnischen Armee nach deutschem Muster(5) und war als „politischer General“, wie er sich selbst bezeichnete, wichtigster Repräsentant und Verfechter der Eingliederung Finnlands in den deutschen Machtbereich.

An der Seite der finnischen Monarchisten engagierte sich v. d. Goltz entschieden für die Wahl eines deutschen Prinzen, möglichst eines Sohnes von Wilhelm II., zum finnischen König als sicherste Garantie, Finnland auf Dauer in den deutschen Herrschaftsbereich zu integrieren.

Die Niederlage des kaiserlichen Deutschland im Ersten Weltkrieg im November 1918 beendete abrupt die strikt deutschorientierte Politik des bürgerlichen Finnland, was blieb, war die Dankbarkeit weiter Teile des finnischen Bürgertums gegenüber den deutschen „Befreiern“.

Der Abzug der letzten Deutschen führte in Finnland zwansläufig zu einer politischen Neuorientierung.  Am 27. November war der Senat unter Leitung von Paasikivi zurückgetreten, am 12. Dezember hatte Svinhufvud das Amt des Reichsverwesers niedergelegt, zwei Tage danach erklärte Friedrich Karl von Hessen den Verzicht auf die finnische Krone. Mannerheim wurde Reichsverweser.

Das Thema Monarchie wurde gezwungenermaßen ad acta gelegt, im Juli 1919 wurde nach langen, zähen Auseinandersetzungen die Republik als Staatsform verfassungsmäßig verankert, zu deren prägenden Eigenheiten –  gewissermaßen als Zugeständnis an die Verfechter einer Monarchie – die starke Stellung des Präsidenten gehörte.  Die neuen finnischen Regierungen orientierten sich an den Siegermächten England und Frankreich.

Zu Veränderungen kam es auch  im Parteiengefüge. Die nach wie vor nach einer Monarchie strebenden bürgerlichen Kräfte schlossen sich in der konservativen Nationalen Sammlungspartei zusammen. Ein großer Teil ihrer Führung und ihrer Mitglieder bedauerte zutiefst die Abreise der Deutschen, hielt weiter fest an der Befreiungsmission der Deutschen und brach auch den Kontakt zu Rüdiger v. d. Goltz nicht ab. Ihre führenden Vertreter waren die Senatsmitglieder von 1918, allen voran P.  E. Svinhufvud und J. K. Paasikivi. Der  republikanisch und nach Westen orientierte Teil des Bürgertums, zu dem auch Mannerheim gehörte, war über den Abzug der deutschen Truppen erleichtert. Aus diesen Kräften formierte sich die Nationale Fortschrittspartei.V. d. Goltz hatte in Finnland aus nachvollziehbaren Gründen schnell Fuß gefasst. Dank der schnell erreichten militärischen Erfolge und seiner danach gewonnenen  exponierten Machtstellung, verbunden mit einer überschwänglichen Verehrung des „Befreiers“ nicht nur seitens der meisten führenden weißen Politiker sondern der gesamten Elite des Landes und anderer Bevölkerungskreise, die ihn und seine Soldaten offen und freundschaftlich aufnahmen, als „Retter“ feierten und deren Dankbarkeit Jahre und Jahrzehnte überdauerte. So war Finnland für v. d. Goltz und seine Frau geradezu zu einer Art „zweiten Heimat“ geworden.






Bild 2 Auszug aus einem Briefentwurf von Juho Kusti Paasikivi an Rüdiger von der Goltz vom   26.2.1919
 

Die Finnlanderlebnisse von Rüdiger v. d. Goltz wogen um so schwerer und nachhaltiger, als er bis an sein Lebensende in seinem Denken und Handeln kaiserlicher Offizier blieb, offen in Opposition zur Weimarer Republik stand und Parlamentarismus und Demokratie ablehnte. Er stärkte aktiv die völkischen Kräfte und Bewegungen in Deutschland, zumindest partielle Übereinstimmungen mit den Zielen Hitlers machten ihn zu einem aktiven Befürworter des Nationalsozialismus, allerdings mit einer dann gegen Ende der 1930er Jahre einsetzenden Tendenz zu einer gewissen Ernüchterung und Distanzierung von den Naziführern.

Angesichts der in der Heimat zunehmend marginalen Stellung des Erfolg und Macht gewöhnten Generals genoss er die Ehrung und Dankbarkeit von bürgerlicher finnischer Seite um so mehr. Er entfaltete mannigfache Aktivitäten, um die Kontakte nach Finnland nicht abreißen zu lassen und war fortgesetzt bemüht, das Finnlandbild in Deutschland und das Deutschlandbild der Finnen mit zu prägen sowie die Erinnerung an seine „finnische Mission“ wachzuhalten. Er schrieb Memoiren, wirkte publizistisch, gründete und dirigierte eine „Deutsch-Finnische Gesellschaft von 1918“, reiste an der Spitze verschiedener Delegationen als gefeierter Kriegsheld und Befreier 1923, 1928, 1933 und 1938 zu den Jahrestagen der Einnahme von Helsinki nach Finnland und scheute keine Mühe, viele der dienstlichen und privaten Kontakte von 1918 aufrechtzuhalten  –  durch Briefwechsel oder persönliche Treffen.

Die engsten und dauerhaftesten Kontakte unterhielt Rüdiger v. d. Goltz zu J. K. Paasikivi. Beide verbanden die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit während des dramatischen Geschehens im Jahre 1918. Sie schätzten einander sehr und für beide waren ihre guten Beziehungen in verschiedener Hinsicht ein Gewinn.

Paasikivi, neben seiner politischen Wirksamkeit, von 1914 bis 1934 Direktor der größten privaten Bank Finnlands, der Kansallis-Osake-Pankki (KOP),  unterhielt in der Zwischenkriegszeit zwar berufliche Kontakte zu deutschen Bankfachleuten, hatte aber keine direkten Verbindungen zu deutschen Politikern und wenig persönlich gewonnene Kenntnisse über die Verhältnisse in Deutschland. Schon insofern fielen für ihn die Kontakte zu v. d. Goltz ins Gewicht.

Noch nach dem Zweiten Weltkrieg hat er Rüdiger v. d. Goltz „als einen vernünftigen und klaren deutschen Patrioten bezeichnet“, der gleichzeitig Finnland liebte, „als preussischer Soldat war er in seinen Meinungen weniger gradlinig und voreingenommen, als ich mir vorgestellt hatte.“ Besonders schätzte Paasikivi an v. d. Goltz seine Loyalität und erstaunlicher Weise auch seine Nichteinmischung in innere Angelegenheiten des Landes. (6)

V. d. Goltz lobte seinerseits Paasikivi als eine „kluge, staatsmännisch veranlagte Persönlichkeit, dabei ein allgemein geachteter Charakter und liebenswürdiger Mensch, mit dessen Familie mich nahe Freundschaftsbande verknüpften…“(7)

Ausdruck dieser „Freundschaftsbande“ waren stabile Kontakte und ein intensiver Gedankenaustausch über mehr als zwei Jahrzehnte – gegenseitige Besuche in Berlin und Helsinki, gemeinsame Kuraufenthalte und ein intensiver Briefwechsel.





Bild 3 Familie Goltz und Paasikivi an der Ostsee 1923:
Anna Paasikivi  mit dem ältesten Enkel von Rüdiger und Hannah von der Goltz, J. K. Paasikivi, Rüdiger von der Goltz und Frau Hannah, Schwiegertochter Astrid mit Tochter Astrid und Sohn Rüdiger (von links nach rechts) (Familienbesitz)
 

 Allerdings sind leider nicht alle Briefe erhalten. Während von v. d. Golz 75 Briefe und Postkarten vorhanden sind, existieren von Paasikivi lediglich einige Briefentwürfe.

Die Unausgewogenheit im noch zugänglichen Briefwechsel ist jedoch nicht darauf zurückzuführen, dass v. d. Goltz der wesentlich eifrigere Briefpartner war, vielmehr ist sie durch die Tatsache bedingt, dass lediglich die Briefe von v. d. Goltz erhalten und im Nationalarchiv in Helsinki zugänglich sind. V. d. Goltz’ Danksagungen und Bezugnahmen auf eingegangene Briefe Paasikivis lassen den Schluss zu, dass beide Seiten in etwa im gleichen Ausmaß an dem Briefwechsel beteiligt waren. Wahrscheinlich sind Briefe von Paasikivi an Rüdiger v. d. Goltz während des Zweiten Weltkrieges, als das Goltzsche Haus in Berlin-Charlottenburg in der Kurlandallee 38 im Dezember 1943 einem der großen Fliegerangriffe auf Berlin zum Opfer fiel(8) verloren gegangen.

Neben persönlichen und familiären Informationen sowie Ansichten über politische Entwicklungen in Finnland, Russland und Deutschland spielen in der Hälfte aller Briefe finanzielle Transaktionen eine Rolle, die Paasikivi zu Gunsten von Rüdiger von der Goltz vornahm.

Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Finnland hatte v. d. Goltz Paasikivi informiert, dass er in seinem Vermögen Veränderungen vorgenommen und für 30.000 Fmk Pfandbriefe erworben hatte. Mit dieser Information verband er die Bitte, für ihn auf der von Paasikivi geleiteten Bank ein Konto einzurichten, – möglichst unter dem Namen Paasikivi – damit sein Vermögen vor der Entente und den Bolschewisten sicher wäre und er bei seiner Rückkehr nach Finnland einen Notgroschen hätte. (9)

Tatsächlich spielte v. d. Gotz in den kommenden Jahren mehrfach mit dem Gedanken, nach Finnland überzusiedeln, falls die Zustände in Deutschland für ihn unerträglich würden. Paasikivi war zu diesem „Freundschaftsdienst“ bereit und regelte die Angelegenheit mit seiner Bank umgehend. Er hatte das Goltzsche Geld auf seinen eigenen Namen bei der KOP angelegt. Zugleich wurde vereinbart, die Zinsen jeweils bei Fälligkeit an das Bankhaus Delbrück Schickler und Co. Berlin auf das Konto der Eheleute des Grafen v. d. Goltz zu überweisen.  Damit waren die grundlegenden Modalitäten geregelt und es konnten weitere Geldgeschäfte in Angriff genommen werden. (10)

In Finnland hatte 1919 ein Frauenkomitee  unter der Leitung von Paasikivis Frau Anna eine Geldsammlung für Rüdiger v. d. Goltz initiiert, die sog. Ehrengabe –  aus Dankbarkeit für dessen Einsatz im finnischen Bürgerkrieg und im Wissen um dessen komplizierte finanzielle Situation, nachdem er seinen Dienst in der Armee quittiert hatte. Die Liste der Spender, von denen jeder einen Betrag von mindestens 300 Finnmark einzahlte, enthielt etwa tausend Namen, die allerdings aus innenpolitischen Gründen nicht publik gemacht wurden. Diese „Ehrengabe“ im Wert von 361.000 Finnmark, die nach dem Valutakurs von 1920 über einer Million Reichsmark entsprachen, wurde dem General symbolisch im Juni 1920 in Berlin überreicht. Rüdiger v. d. Goltz wurde volles Dispositionsrecht eingeräumt, so dass er entscheiden konnte, wo und wie das Geld angelegt werden sollte. Er verfügte, die Hälfte dieses Geldes seinen Söhnen zu überlassen. Von dem Betrag, der ihm dann noch zustand, wurde wiederum die Hälfte in Finnland auf dem von Paasikivi für ihn bei der KOP eingerichteten Konto angelegt.

Sowohl Paasikivi als auch v. d. Goltz hielten die Geldanlage in Finnland für vorteilhaft, da sie die Verhältnisse dort für ruhiger und gesicherter erachteten als die in Deutschland, womit sie letztlich Recht behielten, denn auf diese Weise wurde das Geld vor der Inflation gerettet. Außerdem sorgte Paasikivi über einen langen Zeitraum für die Mehrung des angelegten Kapitels durch gewinnbringende Zinserträge und Wertpapiergeschäfte.

Ob diese Transaktionen juristisch voll den offiziellen Normen entsprachen, ist schwer einzuschätzen. Paasikivi hatte sicher als Bankdirektor gewisse Spielräume, die er zu nutzen wusste. Für Rüdiger v. d. Goltz waren sie jedenfalls in vieler Hinsicht vorteilhaft. Dessen war er sich auch durchaus bewusst. Gegenüber Paasikivi gab er 1926 zu, dass er vier Jahre größtenteils von der Ehrengabe gelebt und sein Haus gebaut habe, während die Pension dagegen meistenteils bereits entwertet war, wenn er sie erhielt.(11)

In nahezu jedem Brief informierte Goltz Paasikivi über die familiäre Situation, über seinen Gesundheitszustand (Krankheiten) und den der Familienangehörigen, wobei diese Angaben mit zunehmendem Alter – verständlicher Weise – immer länger und ausführlicher wurden. Da  beide Ehepaare nahezu jedes Jahr längere Kur- oder Urlaubsreisen unternahmen, tauschten sie sich über die in den einzelnen Orten bzw. Einrichtungen gesammelten Erfahrungen aus und versuchten, diese Reisen und die damit verbundenen Besuche aufeinander abzustimmen. Beide Paare bevorzugten Aufenthalte in zumeist erstklassigen Kurorten in Bayern, Italien, der Schweiz oder Österreich. Häufig ging es in den Briefen auch um die Entwicklung der Goltzschen Söhne und der schließlich insgesamt 15 Enkelkinder.  Sie waren – wie auch die Kinder von Paasikivi – in die freundschaftlichen Kontakte einbezogen. (12) Aus dem guten Miteinander der Väter wurde im Laufe der Zeit geradezu eine Familienfreundschaft. Beide Söhne haben Paasikivi, dessen Frau und Familie wiederholt getroffen – während deren Besuchen in Berlin oder bei eigenen Aufenthalten in Finnland, zumeist als Begleiter ihres Vaters (1923, 1928 und 1938).

Rüdiger von der Goltz und Ehefrau Hannah nahmen ihrerseits regen Anteil am Geschick und Schiksal der Familie Paaiskivi, waren schließlich besonders betroffen und voller Anteilnahme beim Tod von Paasikivis erster Frau und seinen beiden Söhnen.

Ein dritter Komplex, der in den Briefen breiten Raum einnahm, waren politische Probleme. Die politischen Ansichten von v. d. Goltz und Paasikivi wiesen bei allen Unterschieden auch viele Ähnlichkeiten auf. 1918 waren beide monarchistisch eingestellt. V. d. Goltz war und blieb es bis ans Lebensende, Paasikivi bezog zwar nach dem Sturz der Monarchie in Deutschland wieder republikanische Positionen, gab die Hoffnungen auf eine mögliche Monarchie jedoch zunächst noch nicht ganz auf und blieb in seinem Innern wohl bis an sein Lebensende in gewisser Weise monarchistisch eingestellt.

Beide waren über die sowohl in Finnland als auch in Deutschland zahlreichen Regierungswechsel in den 1920er Jahren beunruhigt. Paasikivi sah sie als Zeichen heikler und wenig gefestigter Verhältnisse nach dem Bürgerkrieg, plädierte für starke Regierungen, aber ohne Beteiligung der Sozialdemokraten. Rüdiger v. d. Goltz hingegen sah in den häufigen deutschen Regierungswechseln einen „Krebsschaden der Demokratie“.






Bild 4 Rüdiger von der Goltz bei seiner Ankunft im Hafen von Helsinki anläßlich der Feierlichkeiten zum 15. Jahrestag der Einnahme von  Helsinki durch die deutschen Truppen

Im Unterschied zu v. d. Goltz betrachtete Paasikivi die republikanische Staatsform und die parlamentarische Demokratie zwar mit Skepsis, ging jedoch nicht so weit, sie – wie v. d. Goltz – gänzlich abzulehnen.

In Bezug auf die Entwicklung in Deutschland teilte Paasikivi offensichtlich weitgehend die kritische Sicht seines Briefpartners. Auch Paasikivi blickte in den 1920er Jahren mit Sorge in Richtung Deutschland, bewertete aber auch die politische Entwicklung in Finnland zunehmend kritisch. V. d. Goltz widersprach dieser Wertung nicht eindeutig, neigte aber dazu, die politische Situation in Finnland insgesamt zu idealisieren. In den 1930er Jahren machte v. d. Goltz gegenüber Paasikivi kein Hehl daraus, dass er das Hitlerregime unterstützte.  Hitlers Politik verteidigte er als notwendige Schritte zur Wiederherstellung alter Größe Deutschlands und ignorierte die von diesem Regime ausgehende Kriegsgefahr. Paasikivi hatte mehrfach die Hinwendung von Rüdiger v. d. Goltz zur Hitlerdiktatur registriert, ihm, soweit man weiß, wohl aber nicht widersprochen.

Über die Empfindungen von Rüdiger v. d. Goltz zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gibt der Briefwechsel mit Paasikivi keinen Aufschluss. Eindeutig äußerte v. d. Goltz aber sein Mitgefühl für Finnlands schweres Geschick im sowjetisch- finnischen Winterkrieg. Er verfolgte die Ereignisse in und um Finnland genau und mit großer Anteilnahme, war stolz auf die finnischen Streitkräfte angesichts deren erbitterten Widerstandes und hoffte, dass sein Einsatz 1918 nicht umsonst gewesen war. Die deutsche Zurückhaltung gegenüber Finnland kritisierte er und ergriff mehrfach, auch öffentlich, Partei für Finnland. Paasikivi äußerte gegenüber Rüdiger v. d. Goltz offen seine Enttäuschung über die Haltung Deutschlands und bat seinen Freund, wohlwissend, dass der nur noch ein Privatmann war, darum, den Standpunkt Paasikivis „durch irgendwelche Kanäle“ weiterzugeben und dafür zu werben, dass sich Deutschland dafür einsetzt, dass „Sowjetrußland mit uns wieder zum Verhandlungstisch“ zurückkehrt.(13) Rüdiger v. d. Goltz zeigte volles Verständnis für Paasikivis Anliegen, gab ihm in mehreren Briefen Ratschläge eines „Zeitung lesenden Privatmannes“, warb aber trotz aller Finnlandsympathie um Verständnis für Deutschlands Zurückhaltung. Paasikivi nahm die Hinweise von Rüdiger v. d. Goltz sehr ernst, da es nach seiner Meinung eben nicht nur die Auffassungen eines Privatmannes waren. Paasikivi war überzeugt davon, dass v. d. Goltz seine Anfrage an Hitler weitergereicht hatte und die Goltzsche Antwort dem offiziellen deutschen Standpunkt entsprach.(14)

Mit Begeisterung registrierte v. d. Goltz die „neue“ Waffenbrüderschaft zwischen Deutschland und Finnland seit Mitte 1941.

Auch wenn Rüdiger v. d. Goltz bereits 1940 begann, inoffiziell im Familienkreis Hitlers Kriegführung zu kritisieren, so hielt er Paasikivi gegenüber Deutschland noch Anfang 1942 militärisch, wirtschaftlich und damit auch politisch für unschlagbar, ein Jahr später, in dem letzten erhaltenen Brief, klang seine Einschätzung etwas skeptischer, letztlich aber noch siegesgewiss. Um so größer war seine Enttäuschung und Verzweiflung am Kriegsende. Im Potsdamer Abkommen sah er einen „Rückschritt in slavische Unkultur“. Am 4. November 1946 verstarb er auf Gut Kinsegg in der Gemeinde Bernbeuren an den Folgen eines Schlaganfalls.



Dörte Putensen, Jg. 1949, Studium der Nordeuropawissenschaften und Geschichte in Greifswlad, 1976 Promotion, 1985 Habilitation, 2003 apl Prof. in Rostock. Lehrgebiete: Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit, Nordische Geschichte; Forschungsschwerpunkte: Geschichte der nordischen Arbeiterbewegung, deutsch-finnische Beziehungen